Beispiele

Für Ambidextrie gibt es eine Fülle von Beispielen – sie wurden nur bisher nicht so benannt. An der Grenze zwischen „weiter so“ und „alles ganz anders“ finden sich nicht nur Unternehmen, sondern ganze Branchen wie z. B. die Automobilindustrie. Durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren (wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch, wissenschaftlich, …) hat sich das Thema „Auto“ in Bewegung gesetzt und es liegt an den Herstellern, daraus sinnvolle Entscheidungen und Handlungen abzuleiten. Momentan befinden sich die Automobilhersteller in der typischsten aller typischen Explore-Situationen. Ihr Problem lautet „ich kenn mich nicht aus“ (frei nach Ludwig Wittgenstein).

1. Welches typische Beispiel für Ambidextrie gibt es?

Ein Beispiel für Ambidextrie ist im Bereich Technologie relativ einfach gefunden: Nokia war als Hersteller von Handys (nicht Smartphones!) quasi unantastbarer Marktführer. Das Titelblatt von Forbes ist von November 2007.

Nokia hatte sich einen Namen gemacht, indem es einen einmal eingeschlagenen Weg weiterverfolgte: Die Telefone wurden durch diverse Modelle nicht nur individueller (bunter/verschiedene Modelle), sondern auch kleiner und kleiner. Apple hatte schon zuvor angekündigt, ein revolutionäres Telefon auf den Markt zu bringen – verschiedenen Quellen zufolge hatte jedoch niemand diesem Vorhaben große Chancen eingeräumt: Der Platzhirsch Nokia war einfach zu dominant. Was dann passiert, ist eigentlich bekannt: Der Erfolg des iPhone hat Nokia die Marktposition gekostet und das Thema Nokia/Handy/Mobiltelefon wurde Geschichte.

In Begriffen der Ambidextrie kann man sagen: Nokia ist im Exploit-Modus verharrt, in dem Unternehmen sich zwar auch stets verbessern und ihre Produkte optimieren, aber sie führen meistens einen einmal eingeschlagenen Weg fort: Ein Mobiltelefon war in den 1990er Jahren der berühmte Klotz oder Knochen, den man quasi als eigenes Gepäckstück mit sich führte. Die Ausrichtung für die Produktentwicklung war also, das Handy kleiner und kleiner und kleiner und kleiner zu machen.

Parallel bot das Internet immer spannenderen Inhalt und die Wege, das Internet auch mobil zu nutzen, waren geebnet. Nur machte das auf dem kleinen Bildschirm so gar keinen Spaß. Apple hatte vorher mit den Einzelzutaten fürs iPhone schon genügend Erfahrungen gesammelt (also exploriert), mit dem iMac als Computer, dem iPod als Media-Device und iTunes als Plattform. Das Zusammenfügen zu einem Gerät und die Touch-Bedienung zugunsten eines ausreichend großen sichtbaren Displays waren und sind bis heute der Inbegriff einer Disruption, die unsere Welt verändert hat – so sehr, dass Steve Jobs als Identifikationsfigur schon 2007 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gezählt wurde.

2. Ambidextrie-Beispiel aus der frühen Neuzeit

Wir können auch in der Geschichte (um das Jahr 1530) zurückblicken, um Ambidextrie-Beispiele zu erspähen. Eher unbekannt und zeitgleich zauberhaft ist die Geschichte der Wasserkunst von Toledo: In der spanischen Stadt Toledo, strategisch günstig weit oben über den Fluss Tajo gelegen, wurde das Wasser knapp. Lange wurde das Wasser aus einem künstlichen Speichersee in die Stadt geleitet. Die Staumauer brach jedoch irgendwann ein und es musste eine neue Lösung her: Fortan wurde aus dem Fluss Tajo über 100 Höhenmeter das Wasser per Wasserträger/Maultier nach oben geschleppt. Diese Lösung war jedoch umständlich, aufwändig und damit sehr teuer, der Wasserbedarf stieg in heißen Sommern außerdem enorm an und die kunstvollen Palastgärten mit ihren aufwändigen Springbrunnen sollten schließlich auch funktionieren. Kurzum: Da musste eine Lösung her, die uns Wasser in die Stadt schafft, wie genau, wissen wir auch nicht (eine Aufgabe, die relativ deutlich aus dem Explore-Spektrum stammt). Der Reihe nach versuchten sich ein Ingenieur aus Deutschland, zwei Fachleute aus Flandern und ein Uhrmacher aus Italien an der Aufgabe. Die ersten scheiterten technisch, eine mehr als wackelige Finanzierung tat ihr Übrigens und am Schluss fehlte es schlicht am Wissen über die entstandene „Wasserkunst“, um die Anlage instand halten und reparieren zu können. Noch nie hätte einem Vorhaben ein Griff in die Exploit-Werkzeugkiste so gut getan: Klare Absprachen über zu transportierenden Wassermenge, Zuständigkeit, Werkzeuge, Finanzierung etc. hätten vielleicht verhindert, dass die mittlerweile der Arbeitslosigkeit überlassenen Wasserträger die Anlage nicht auch noch böswillig sabotiert hätten, bis die Anlage schließlich verfiel und bis auf diese hübsche Geschichte nichts mehr von der berühmten „Wasserkunst von Toledo“ übrigblieb.

3. Ein Ambidextrie-Beispiel aus dem Sport

Zugegeben lässt sich Ambidextrie mit Fußball nicht gleichsetzen, jedoch lässt sich das Grundprinzip gut veranschaulichen: In der Ambidextrie sind beide Modi, der Exploit- wie auch der Explore-Modus wichtig und kritisch für das langfristige Bestehen eines Unternehmens. Obwohl beide Modi für verschiedene Aufgaben geeignet sind, somit verschiedenen Zielen dienen und sich unterschiedlicher Methoden und Techniken bedienen, ist es eine Schlüsselaufgabe für Unternehmen, beide Modi an passender Stelle einzusetzen und ihnen Raum zu geben. Und wenn nicht?

Dann bekommen wir Spiele wie im EM-Turnier von 2004: Griechenland mauertet sich mit einem ziemlich unattraktiven Defensivspiel ins Finale und gewann dort wie auch in den KO-Spielen im Viertel- und Halbfinale mit 1:0. Im Anschluss an dieses Turnier hatte Griechenland mit dieser Taktik nie mehr diese Erfolge, weil sich die Gegner zunehmend darauf eingestellt hatten.

Als Gegenbeispiel ist das WM-Turnier von 1954 zu nennen, bei dem die ungarische Nationalmannschaft als haushoher Favorit (sie hatte seit über vier Jahren kein Spiel mehr verloren) ins Rennen ging und mit begeisterndem Offensivfußball das Turnier nach Belieben beherrschte (4 Siege mit 25:7 Toren). Erst im Endspiel gelang im sogenannten „Wunder von Bern“ der deutschen Nationalmannschaft trotz eines 0:2 Rückstand der Sieg, weil Sepp Herberger mit einer speziellen Taktik die Stärken des ungarischen Spiels einschränkte und die Schwächen in der Abwehr der Ungarn nutzte.

Wir sehen also: Eine dauerhaft erfolgreiche Fußballmannschaft weist mehrere Eigenschaften auf:

  • Sie beherrscht Defensive und Offensive.
  • Sie kann umschalten und schnell erkennen, wann das eine und wann das andere gefragt ist
  • Sie diskutiert nicht intern, ob die Defensive oder die Offensive wichtiger ist – es ist klar, dass beides zum Erfolg beiträgt und sich kombinieren muss.
  • Früher gab es mehr Spezialisten, mittlerweile sind Spieler gefragt, die zumindest das jeweils andere Prinzip auch verinnerlicht haben und zuarbeiten können.

Übertragen auf die Ambidextrie heißt das:

  • Erfolgreiche Unternehmen beherrschen das Arbeiten am und Optimieren des Vorhandenen gleichermaßen wie Innovation und das schnelle Anpassen an veränderte Gegebenheiten. Mit nur einem der beiden Modi kommt man auch, aber eher selten, dauerhaft an die Spitze.
  • Sie können erkennen, in welchen Situationen das eine und in welchen Situationen das andere Prinzip gefragt ist.
  • In einer ambidextren Organisation wird nicht in Frage gestellt, dass beides zum Erfolg beiträgt und eine Kombination zu dauerhaftem Erfolg führt.
  • Das ambidextre Potenzial einer Organisation besagt, dass zumindest das Wissen darum, dass beides vorhanden und wettbewerbskritisch ist, überall vorhanden ist und so Akzeptanz für die beiden unterschiedlichen Modi (Exploit/Explore) vorherrscht – so unterschiedlich sie auch sein mögen.

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